Besonders auf Social Media begegnet mir immer wieder der Begriff der „Superkraft“ in Verbindung mit ADHS und manchmal auch in Verbindung mit Autismus. Auch Zuschreibungen des „Segens“ werden erwähnt und die Störung an sich wird blumig als „besonderes Gehirn“ beschrieben.
Als Betroffene von ADHS mit begründetem Autismusverdacht stößt mir das sauer auf. Warum? Bin nicht ich diejenige, die auf Social Media davon spricht, es könne hilfreich sein, dem Trauma einen Sinn zu geben? Ist das nicht das gleiche in grün?
Selbsthilfe und Salutogenese
Im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen und der Selbsthilfe spreche ich immer wieder davon, dass es unterschiedliche Wege der Selbsthilfe gibt. Der Genesungsprozess ist individuell und was für mich richtig ist und mir hierbei geholfen hat, kann anderen ebenso helfen, muss aber nicht. Im Recovery sprechen wir zudem von der Salutogenese, nach der wir lernen die Erkrankung zu akzeptieren und trotz und mit ihr zu leben und diesen Zustand als genesen betrachten. Heilung ist nicht immer möglich. Viele Erkrankungen sind chronifiziert. Wir sprechen in diesem Zusammenhang auf von dem Kohärenzgefühl, das sich aus der Verstehbarkeit (ich verstehe die Erkrankung und die Ursache dafür), der Handhabbarkeit (ich kann mit der Erkrankung umgehen und kenne meine Ressourcen) und der Sinnhaftigkeit (ich habe einen Sinn in meinem Leben). Oder eben auch, ich kann meiner Erkrankung einen Sinn geben.
Trauma ist sch**sse. Punkt. Es gibt absolut nichts Gutes und nichts sinnvolles darin. Auch das betonte ich immer wieder. Gleichzeitig kann es helfen, der Erfahrung daraus einen Sinn in der Gegenwart zu geben. Das muss ich allerdings aktiv tun. Damit meine ich nicht, dass meine Erfahrung während des Entstehens des Traumas einen Sinn hat, sondern dass ich diese Erfahrung jetzt nutzen kann, um anderen zu helfen. Das wiederum kann mir helfen, einen verträglicheren Umgang mit dem Trauma zu finden. Der Schmerz verschwindet damit nicht. Die Erinnerung daran ebenfalls nicht. Und auch der Körper hat nicht vergessen.
Genau so betrachte ich ADHS und Autismus. Ich kann versuchen, teile davon als positiv zu betrachten. In manchen Situationen hat ADHS wunderbar mit meiner kPTBS harmoniert und ich habe fluchtartig das Land verlassen und mir ein neues Leben aufgebaut. Schlussendlich habe ich deshalb meine Kinder. Der Hyperfokus von ADHS und das Spezialinteresse von Autismus kombiniert haben dazu geführt, dass ich mir in kurzer Zeit ein enormes Wissen über Psychologie angeeignet habe. Das sind wunderbare Dinge. Die Probleme jedoch verschwinden nicht, egal wie positiv ich es betrachte. Es hilft mir nur, einen besseren Umgang damit zu finden. Genauso wie beim Trauma. Manchen kann das helfen, anderen nicht.
Also nein, es ist nicht das selbe in grün. Ob ich sage, ich kann dem ADHS einen Sinn geben oder es als Superkraft und Segen betitele, ist ein immenser Unterschied!
aber adhs ist halt ein anderes gehirn
Wenn ich versuche zu erklären, warum es gefährlich ist, ADHS und Autismus als Superkraft zu betiteln, stelle ich gerne den Vergleich zu psychischen Erkrankungen auf. Niemand kommt auf die Idee zu behaupten, die Depression wäre eine Superkraft. Das ist mir generell bei keiner anderen psychischen Störung oder Entwicklungsstörung je aufgefallen. ADHS und Autismus werden vermehrt romantisiert dargestellt. So liest und hört man immer wieder die Aussage, das neurodivergente Gehirn würde eben einfach anders funktionieren und das System wäre schuld an dem Leid, das viele Betroffene erfahren, weil ADHSler und Autisten einfach nicht für dieses System gemacht wären.
Diese Aussage ist auf mehreren Ebenen falsch und schwierig. Zum einen sind per Definition alle Gehirne unterschiedlich. Wir sind also alle neurodivers, wenn man so will. Als neurotypisch werden die Menschen bezeichnet, deren Gehirn dem gesellschaftlichen Durchschnitt entsprechen, als neurodivergent werden die Gehirne bezeichnet, die stärker vom gesellschaftlichen Durchschnitt abweichen. So die Definition. Bislang ungeklärt ist, was alles als neurodivergent geführt wird. Die einen sagen, es handelt sich hierbei um eine Gruppe aus ADHS, Autismus, Hochbegabung, Legasthenie und Tourette-Syndrom, andere sagen, auch sämtliche psychische Erkrankungen zählen als neurodivergent. Hierzu findet man im Internet verschiedenste Deutungen von allen möglichen Fachstellen. Tatsächlich konnte man beispielsweise nachhaltig veränderte Gehirnstrukturen aufgrund von Traumata finden (Studie von West China Hospital of Sichuan University China).
ADHS ist nicht nur ein „anders funktionierendes Gehirn“. Es wird als Entwicklungsstörung bezeichnet, weil das Gehirne tatsächlich eine verzögerte Reifung von 3-5 Jahren aufzeigt. Bei ADHS besteht in manchen Gehirnregionen ein Dopaminmangel. Auch das Downsyndrom zeigt eine Entwicklungsstörung im Gehirn mit einem Dopaminmangel, ebenso wie die Schizophrenie.
Bei ADHS zeigt sich zudem ein leicht verringertes Gehirnvolumen (bis 4% geringer) der grauen und weißen Substanz, sowie ein deutlich verringertes Volumen des hinteren inferioren Kleinhirns (bis 15% geringer).
ADHS als anderes Gehirn zu bezeichnen, ändert nichts an der Tatsache, dass es eine Entwicklungsstörung ist!
ADHS und das Leiden
Ohne Leidensdruck, keine Diagnose. Wurde ADHS im Kindesalter bereits gestellt, wird dies aufgrund eines vorhandenen Leidensdruckes geschehen sein. ADHS verwächst sich mit dem erwachsen werden nicht, jedoch können die Symptome sich in ihrer Ausprägung verringern. Viele andere Betroffene merken kaum einen Unterschied zur Ausprägung in der Kindheit. Die Hälfte aller Betroffenen entwickeln im laufe ihres Lebens mindestens eine weitere psychische Erkrankung. Das Leid wird also größer und nicht geringer. Nachfolgend ein paar Zahlen und Fakten, die ich besonders hervorheben möchte:
- 50% der ADHS-Betroffenen entwickeln mindestens 1 weitere psychische Erkrankung.
- Risiko zur Demenzerkrankung und Alzheimer ist 5-fach erhöht
- Risiko für Parkinson bis 2,5-fach erhöht
- Risiko für Depressionen bis 5,5-fach erhöht
- Risiko für postpartale Depression erhöht (14% 6 Wochen nach Geburt, bis 24% 12 Monate nach Geburt)
- Bei Mädchen ist das Risiko auf Essstörung 3,6-fach erhöht
- Adipositas 2-fach erhöht
- Risiko für Angststörung bis 3,3-fach erhöht
- Risiko für PTBS 2,3-fach erhöht
- Risiko auf Epilepsie im Erwachsenenalter 4,65-fach erhöht
- Risiko zur Suchterkrankung bis 7,9-fach erhöht
Die Liste lässt sich noch lange weiterführen. Wer behauptet, ADHS wäre ein Segen, validiert das Leiden all dieser Menschen!
ADHS und das System
Ein weiteres oft angeführtes Argument ist das System, das ADHS Betroffene ausschließt und krank macht. Das System ist allgemein nicht behindertenfreundlich und Inklusion fehlt an so vielen Stellen. Im Umkehrschluss zur Aussage, das System wäre Schuld am Leid der Betroffenen, dürfte ein speziell an ADHS-Betroffene ausgerichtetes System kein Leid verursachen. Tatsächlich gibt es bereits Internate, speziell für ADHS und Autismus betroffene Jugendliche. Das perfekte System also. Hierzu gibt es keine Studie, die belegt, dass ein angepasstes System dazu führt, dass der Leidensdruck damit komplett verschwindet. Das wäre fachlich wohl auch grober Unfug, da sich die Gehirnstruktur dadurch nicht ändert. Die Symptome können in solch einem geschützten Rahmen verringern und das Risiko für weitere Störungen dürfte reduziert werden. ADHS verschwindet allerdings nicht. Somit können wir dem System alleine nicht die Schuld zuschieben, obwohl es sicherlich enorm dazu beiträgt, komorbide Erkrankungen zu entwickeln.
Die Superkräfte
Der Hyperfokus ist die wohl beliebteste Superkraft.
Die Vorstellung:
Ich schalte meinen Hyperfokus ein und kann binnen wenigen Stunden ein Projekt erarbeiten, für das Neurotypische Tage benötigen. Welcher Arbeitgeber träumt nicht davon?
Die Realität:
Der Hyperfokus lässt sich nicht steuern. Er kommt und geht, wie er will. Das Thema lässt sich auch nicht aussuchen. Meine letzten Hyperfokus-Themen: Pokémon, Animal Crossing, ADHS, Autismus, Balkonpflanzen, Pandapanzerwelse.
Dabei vergesse ich oft zu trinken und zu essen. Selbst pinkeln vergesse ich und merke es erst, wenn ich kurz davor stehe, mir in die Hose zu pieseln. Meist endet der Hyperfokus dann, wenn ich kurz davor stehe umzukippen, völlig unterzuckert und dehydriert. Während der Arbeit lässt es sich schwer konzentrieren, wenn man nur an Pokémon denken kann.
Eine erhöhte Kreativität mit ADHS wird ebenfalls als Superkraft aufgeführt. Angeblich wurde das durch eine neuere Studie aus dem Jahr 2025 belegt. Bei genauerer Betrachtung stellte sich jedoch heraus, dass es sich hierbei um keine klinische Studie handelte, sondern um eine Umfrage mit subjektiver Selbstbewertung. Eine Metastudie aus dem Jahr 2020 hingegen hat 31 Verhaltensstudien über ADHS und Kreativität analysiert und dabei erhöhte kreative Werte bei subklinischen ADHS-Werten gefunden (Symptome, die auf ADHS hindeuten, jedoch NICHT die Kriterien für eine Diagnose erfüllen), allerdings keine erhöhten kreativen Werte bei Menschen mit diagnostiziertem ADHS. (Studien siehe Quelle)
Die Realität:
Es gibt durchaus ADHS-Betroffene, bei denen die Kreativität in geringem Maße vorhanden ist.
Auch der Gerechtigkeitssinn wird gerne angepriesen. ADHS-Betroffene seien zudem besonders loyal und hilfsbereit.
Vorstellung:
ADHS-Betroffene sind moralisch überlegen und setzen sich immer für das Gute ein.
Die Realität:
Studien zeigten einen Zusammenhang zwischen dem erhöhten Gerechtigkeitsempfinden und der Rejection Sensitivity (RS). Unter RS ist eine erhöhte Kränkbarkeit auf Ablehnung und intensive Reaktion auf empfundene Ablehnung zu verstehen. Die RS wird als eigenständige Störung gesehen und kann als primäres Symptom unter Borderline, Narzissmus, Bipolare Störung, soziale Phobie, Depression und Angststörung auftreten. Es wird nicht als primäres Symptom bei ADHS behandelt, jedoch zeigen mehrere Studien und Betroffenen-Berichte einen engen Zusammenhang zwischen ADHS und RS. Das erhöhte Gerechtigkeitsempfinden führt regelmäßig zu sozialen Schwierigkeiten.
Positiver Ableismus
Das Wort „Ableismus“ ist die Übersetzung des englischen Ausdruckes „ableism“ (to be able = fähig sein). Es ist eine Form der Diskriminierung von Menschen mit körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen. Wer ableistisch handelt, hat eine Erwartungshaltung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten aufgrund der Behinderung hergeleitet, ohne die betroffene Person zu fragen. Hierbei gibt es die Formen der Abwertung und Aufwertung der Behinderung. In der Abwertung gegenüber ADHS-Betroffenen zeigt sich das beispielsweise durch Aussagen wie „du muss dich halt mehr anstrengen“ oder „du nutzt das nur als Ausrede für deine Faulheit“. In der Aufwertung dagegen werden vermeintliche Stärken besonders hervorgehoben, die der Erkrankung zugeschrieben werden. Bei ADHS ist das typischerweise der Hyperfokus, die Kreativität oder der Gerechtigkeitssinn. Auch mit Bezeichnungen wie „Superkraft“ werden die schweren Beeinträchtigungen unsichtbar gemacht.
Nur um das nochmal zu verdeutlichen: Mit ADHS kann ein Behinderungsgrad von 20% bis 50% erreicht werden, je nach schwere der Beeinträchtigung bis zu 70%. Zudem ist in vielen Fällen auch ein Pflegegrad möglich. Pflegegrad 2 und 3 sind gar nicht so unüblich vor allem bei den betroffenen Kindern.
Mein Fazit
Niemandem ist damit geholfen, ADHS schönzureden, es als Superkraft oder Segen zu betiteln. Ganz im Gegenteil. Damit schaden wir der Inklusion, getreu dem Motto „kannst du ADHS nicht als Superkraft nutzen, bist du unfähig“ und enden wieder genau da, wo wir angefangen haben. Nämlich der Akzeptanz der Störung. Es ist unfair gegenüber jedem einzelnen Betroffenen, der unter der ADHS-Störung massiv leidet. Wir müssen unbedingt einen sensibleren Umgang damit finden. Es macht einen deutlichen Unterschied, ob ich eine Störung als Segen benenne oder sage, dass es wichtig für das eigene Wohlbefinden ist, einen Umgang mit der eigenen Störung zu finden. Manchen gelingt das besser als anderen, gleichzeitig bedeutet das nicht direkt ein Versagen. Die Wortwahl ist meiner Meinung nach wirklich entscheidend. Da spricht ein Contentcreator davon, ADHS und Autismus wäre eine neue Form der Intelligenz und eine Art evolutionärer Wandel. Wie erklären wir das den Autisten, die gleichzeitig eine Intelligenzminderung haben und schwerstbehindert sind? Die gehören dann nicht zum Club der neuen Superhelden-Spezies? Wir fordern Inklusion und schließen aus den eigenen Reihen aus?
Versteht mich nicht falsch. Ich möchte mich hier nicht als Moralapostel aufspielen und beanspruche auch nicht den Ehrenplatz der fehlerfreien Menschen. Dank ADHS und Autismus spreche ich nur allzu oft Dinge aus, ohne vorher darüber nachgedacht zu haben, wie es beim Gegenüber ankommen könnte. Ich nannte mich selbst scherzhaft die „Fettnäpfchen-Jägerin“. Ich spreche dieses Thema an, gerade weil ich aus der Arbeit in Selbsthilfegruppen für ADHS (und Autismus) und aus der Arbeit mit psychisch Erkrankten (mit ADHS und/ oder Autismus) viel Leid sehe. Für diese Menschen sind Begriffe wie Superkraft und Segen eine glatte Ohrfeige.
Gruß,
Tanja
Quellen:
- Salutogenese: www.ex-in-akademie.de/glossar/salutogenese/
- Kohärenzgefühl: www.ex-in-akademie.de/glossar/kohaerenzgefuehl/
- Gehirnstruktur Trauma: Neurophysiologie: Gehirnveränderungen durch Traumata – Deutsches Ärzteblatt
- ADHS Gehirnentwicklung: ADHS als Gehirnentwicklungsstörung: Ursachen und Entwicklungsverlauf – ADxS.org
- ADHS und Folgen: Folgen von ADHS: Auswirkungen auf Alltag, Psyche und Lebensverlauf – ADxS.org
- Ableismus: Was ist Ableismus? | Aktion Mensch
- Behinderungsgrad: Grad der Behinderung bei ADS / ADHS – Tabelle, Vorteile & Leistungen
- Pflegegrad: Diagnose ADHS > So gelingt der Pflegegrad-Antrag
- ADHS-Internat: ADHS & Autismus – Schloss Varenholz
- ADHS-Studie Kreativität 2025; von Dr. Han Fang (Radboud University Medical Centre, Niederlande): Studie: ADHS könnte Dich kreativer machen – Bianca Bender
- ADHS Metastudie Kreativität 2020; von Hoogman M., Stolte M., Kroesbergen E., Baas M.: Creativity and ADHD: A review of behavioral studies, the effect of psychostimulants and neural underpinnings – PubMed
- ADHS Studien Kreativität: Kreativität bei ADHS: Potenziale, Zusammenhänge und wissenschaftliche Befunde – ADxS.org
- ADHS Kreativität Erfahrungsberichte: Ich bin eine Person mit ADHS, die nicht kreativ und voller Ideen ist. : r/ADHD
- ADHS Gerechtigkeitsempfinden: Rejection Sensitivity bei ADHS: Kränkbarkeit und Angst vor Zurückweisung – ADxS.org




