Dank der gewaltfreien Kommunikation habe ich erstmals Zugang zu meinen eigenen Bedürfnissen und ein erstes Verständnis für meine eigene Gefühlslage erhalten. Gerade für Menschen mit Autismus oder der komplexen PTBS ist genau das eine Herausforderung, aus verschiedenen Gründen. Ohne das Verständnis für die Emotionen und Bedürfnisse eines Menschen funktioniert die gewaltfreie Kommunikation nicht. Sie ist darauf aufgebaut.


Was ist die gewaltfreie Kommunikation?

Die gewaltfreie Kommunikation, kurz GFK ist ein Modell, das auf Empathie und Wertschätzung basiert, erfunden von Marshall B. Rosenberg, einem Psychologen aus der USA. Sie besteht grundlegend aus „Ich-Botschaften“ und hilft dabei, Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken, ohne jemanden damit anzugreifen. Oft geschieht besonders in Konflikten genau das. Aus einer gut gemeinten Mitteilung der eigenen Bedürfnissen wird schnell ein ungewollter Vorwurf gegenüber des Gesprächspartners. Marshal B. Rosenberg hat hierzu Kommunikationstechniken entwickelt, die solche Konflikte verhindern und die leicht anzuwenden sind.


Grundlagen

Um ein Verständnis für die gewaltfreie Kommunikation zu bekommen, erklärt Marshal B. Rosenberg, dass wir die Erfüllung von Bedürfnissen als Geschenk betrachten sollen. So kann ich mich selbst beschenken und ein eigenes Bedürfnis erfüllen, ich kann mich von anderen Menschen beschenken lassen, indem sie meine Bedürfnisse erfüllen oder ich beschenke wiederum andere Menschen, indem ich ihre Bedürfnisse erfülle. Geschenke sind stets freiwillig und man beschenkt andere aus einer Zuneigung heraus. Ebenso ist es eine Form der Zuneigungsbekundung, wenn andere meine Bedürfnisse erfüllen. Gleichzeitig darf ich Geschenke ablehnen und damit Grenzen setzen. Das gilt natürlich auch für andere und das gilt es dann zu akzeptieren. (Oder im Umgang mit den Kindern stattdessen eine höfliche Aufforderung formulieren, statt einer Bitte.)

Es ist zudem wichtig zu verstehen, dass andere nicht die Ursache für unsere eigenen Gefühle sind. Unsere Gefühle entstehen in uns, aufgrund von Interpretationen, Erwartungen und gemachten Erfahrungen. Sie nehmen Einfluss darauf, wie wir die Situation bewerten. Wie etwas Gesagtes einer anderen Person gemeint war, können wir nun herausfinden, indem wir nachfragen. Gleiches gilt auch für die Gefühle, Bedürfnisse, Erwartungen und Absichten anderer. Nur wenn wir nachfragen, können wir wirklich wissen, was in der anderen Person vorgeht. Bis dahin bleibt es eine eigene Interpretation.


Hinter jedem Gefühl steckt ein Bedürfnis

Gefühle sind immer mit Bedürfnissen verbunden. Wurde ein Bedürfnis erfüllt, reagieren wir mit positiven Gefühlen. Sehen wir ein Bedürfnis in Gefahr, reagieren wir mit Angst. Ein unerfülltes Bedürfnis zeigt sich dagegen eher mit Wut oder Frust. Diese Erkenntnis kann besonders in Konfliktsituationen hilfreich sein. Selbst wenn ich die Reaktion der anderen Person gerade nicht verstehe, ist das Gefühl für die Person genauso real, wie die Ursache, nämlich das dahinterliegende Bedürfnis.


Die vier Schritte

Aus dieser Grundlage heraus ergeben sich vier Schritte in der gewaltfreien Kommunikation:

1. Beobachtung
Beschreibe eine konkrete Situation, ohne zu bewerten oder zu interpretieren.

2. Gefühle
Benenne die Gefühle, die die Situation in dir auslösen.

3. Bedürfnisse
Identifiziere das zugrunde liegende Bedürfnis, das hinter dem Gefühl steckt.

4. Bitte (Optional)
Formuliere eine klare und konkrete Bitte, um dein Bedürfnis zu erfüllen.
Alternativ: Bedürfnis erfüllen oder Kompromiss finden.


Ich-Botschaften

Da wir nun wissen, dass wir selbst für unsere eigenen Gefühle verantwortlich sind, ist es naheliegend, dass wir in der Kommunikation stets versuchen sollten, bei uns zu bleiben. Ich spreche also in der „Ich-Form“ von „meinen“ Gefühlen und „meinem“ Erleben. Dabei ist zu beachten, dass die Verantwortung immer bei mir selbst liegt und nicht auf die andere Person unterschwellig übertragen wird. Es gibt also „unechte“ Gefühle, sogenannte „Pseudogefühle“. Sie enthalten versteckte Schuldzuweisungen.

Beispiele für unechte Ich-Botschaften:
– „Ich fühle mich nicht erst genommen.“ -> Du nimmst mich nicht ernst!
– „Ich denke, dass du mir nicht zugehört hast.“ -> Du hast mir nicht zugehört!
– „Ich glaube, du interessierst dich nicht für mich.“ -> Du interessierst dich nicht für mich!

Drehen wir die Sätze um, wird schnell klar, dass hier keine echte Ich-Botschaften gesendet wurden, sondern versteckte Schuldzuweisungen. Diese befeuern Konflikte nur.

Beispiele für echte Ich-Botschaften:
– „Ich fühle mich traurig, weil die gerade eben mit den Augen gerollt hast, als ich gesprochen habe. Könntest du das bitte sein lassen? Mir ist ein respektvoller Umgang wichtig.“
– „Ich fühle mich wütend, weil du mich eben als doof beleidigt hast. Lass das bitte!“
– „Ich fühle mich ängstlich, weil ich nicht weiß, was du von mir erwartest. Könntest du mir das bitte erklären?“


Nichts Muss

Man hat immer eine Wahl, selbst dann, wenn die Situation auswegslos erscheint.

„Doch, es gibt Dinge, die man einfach machen muss. Ich MUSS zur Schule gehen!“. Da sage ich: Du kannst auch einfach zuhause bleiben und dich weigern. Die Konsequenz daraus wird vielleicht ein Streit mit den Eltern sein, sowie auf Dauer Streit mit der Schule und schlussendlich mit den Behörden. Keine besonders schöne Wahl, aber es ist eine Wahlmöglichkeit. Alternativ könnte man positives an der Schule finden oder sich eine andere Schule suchen.

„Manche Dinge muss man aber einfach aushalten. Wenn mich jemand verlässt, kann ich ihn ja nicht zwingen, bei mir zu bleiben“. Du könntest es versuchen. Du könntest dem Expartner oder der Expartnerin so lange auf den Nerv gehen, bis sie dann doch einlenken und zurück kommen. Du könntest vor Wut und Enttäuschung toben und dein Mobiliar zerstören. Oder du übst dich in radikaler Akzeptanz, lenkst dich ab und betreibst Selbstfürsorge.

Auch in kleinen Alltagssituationen hat man stets eine Wahl. Ich muss mich nicht jeden Tag um den Haushalt kümmern. Ich kann ihn auch einfach mal liegen lassen oder meine Kinder und meinen Mann um mehr Unterstützung bitten. Diese innere Haltung trägt dazu bei, selbst etwas gelassener zu werden und das hilft unmittelbar in der Kommunikation. Nicht jedes Bedürfnis muss erfüllt werden. Manchmal lohnt es sich, andere Wege zu finden. Gerade dieser Punkt wird in der „bedürfnisorientierten Erziehung“ gerne missverstanden. Wenn ich danach gehen würde, würden meine Kinder den ganzen Tag lang nichts anderes als Süßigkeiten essen und nonstop Nintendo spielen. Dem entgegen steht mein Bedürfnis nach Gesundheit und Sicherheit, in direkter Verbindung mit meinem Verantwortungsbewusstsein. Also treffe ich immer wieder mal die Wahl, den Kindern „Nein“ zu sagen und ihnen stattdessen eine gesunde Alternative anzubieten, mit der wir beide leben können.


Bedürfnisse erkennen

Nach Abraham H. Maslow gibt es die Bedürfnisse der Selbstverwirklichung, Wertschätzung, Verbundenheit, Sicherheit und physiologische Bedürfnisse. Eine Möglichkeit zur Erkennung der Bedürfnisse, ist die „Gegenteilmethode“.

Beispiel:
„Du bist rücksichtslos!“ -> Gegenteil von rücksichtslos = rücksichtsvoll, respektvoll -> Bedürfnis = Rücksichtnahme und Respekt
„Du nimmst mich nicht ernst!“ -> Gegenteil davon = zuhören -> Bedürfnis = Aufmerksamkeit, Akzeptanz, Wertschätzung


Übung macht den Meister

Nicht immer gelingt es, sich an die gewaltfreie Kommunikation zu halten und das ist völlig normal. Es ist nunmal Übungssache. Besonders in der Kommunikation mit den Kindern fühlt es sich manchmal umständlich an, die vier Schritte zu beachten. Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür und die Kinder schauen sich die Art der Kommunikation ab. Es wird also leichter. Dennoch bleibt es eine Übungssache. Ich möchte dir Mut zusprechen, einfach dran zu bleiben. Da steht niemand, der dich dabei korrigiert und bewertet, wie du die gewaltfreie Kommunikation umsetzt. Du machst das für dich.



Weiterführende Links:

Video zu gewaltfreie Kommunikation
Infoportal GFK
GFK lernen
Hamburger Institut für GFK
gewaltfrei Übungen


Liebe Grüße
Tanja

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Weitere Beiträge
Cookie Consent mit Real Cookie Banner