Die Diagnostikerin meiner Tochter erklärte uns, das Gehirn eines Autisten funktioniert anders. Es ist anders verknüpft, als das Gehirn von Nichtautisten. Autisten besäßen mehr Vernetzungen und dies würde manchmal dazu führen, dass sie etwas länger Zeit benötigten, um Situationen oder Gesagtes zu verstehen.
Diese Erklärung reichte mir nicht, denn ich wollte es ganz genau wissen und so stieß ich bei meiner Suche nach Erklärungen auf das Buch „Autismus und das prädiktive Gehirn“ von Peter Vermeulen, das mir die Antworten lieferte.
Der Autor
Dr. Peter Vermeulen ist ein niederländischer Psychologe und Erziehungswissenschaftler, der sich auf Autismus spezialisiert hat. Seit 1987 ist er im Bereich Autismus tätig. Als Trainer, Berater, Dozent und Autor. Sein erstes Buch „Das ist der Titel: Über autistisches Denken“ erschien 1996. Es folgten weitere Bücher, unter anderem „Autismus als Kontextblindheit“, worauf sich Vermeulens neustes Werk, „Autismus und das prädiktive Gehirn“ vom 24.01.2024 stützt.
Inhaltsverzeichnis des Buches
- Vorwort zur deutschen Ausgabe
- Vorwort zur englischen Ausgabe
- Einleitung
- Das prädiktive, „vorhersagende“ Gehirn
- Das prädiktive, „vorhersagende“ Gehirn und Autismus
- Das prädiktive Gehirn und sensorische Verarbeitung bei Autismus
- Das prädiktive Gehirn und die soziale Navigation
- Das prädiktive Gehirn und Kommunikation
- Das prädiktive Gehirn und Autismus: Was nun?
- Endnoten
- Literaturverzeichnis
- Der Autor
Inhalt des Buches
In seinem ersten Kapitel erklärt Herr Vermeulen die allgemeine Funktionsweise des Gehirn und was unter einer prädiktiven (vorhersagbare) Verarbeitung gemeint ist. Seine fachlichen Erläuterungen sind hierbei auf einer Weise formuliert, die auch Laien ohne fachlichen Hintergrund verstehen können. Hierzu beschreibt er wiederholend alltägliche Situationen. Er bezieht sich zudem auf verschiedene Forschungsergebnisse und geht näher auf die Studien ein. Zu jedem Kapitel folgt zum Schluss eine kurze Zusammenfassung mit den wichtigsten Erkenntnissen aus dem Kapitel.
Im zweiten Kapitel vergleicht Herr Vermeulen die Verarbeitung von allistischen (nicht autistischen) und autistischen Gehirnen und wie sich das bei Autisten äußerst. In den darauffolgenden Kapiteln beleuchtet er nochmals detaillierter wie sich die prädiktive Verarbeitung im Bezug auf die Sensorik, soziale Interaktion und Kommunikation bei Autisten auswirkt und wie folglich die klassischen Symptome bei Autisten entstehen. Zuletzt erklärt er, was das für den Umgang mit Autisten bedeutet.
Zusammenfassung: Das prädiktive Gehirn
Die Forschung ging bisweilen davon aus, dass die Verarbeitung im Gehirn eine direkte Reaktion darstellt, die nach einem äußeren Reiz folgt. Das Auge sieht den Ball, das Gehirn verarbeitet den Reiz und es folgt eine Aktion, den Ball fangen. Laut neueren Forschungen basiert die Verarbeitung und die folgende Reaktion jedoch aufgrund einer Vorhersage. Wohin könnte der Ball fliegen? Lag das Gehirn mit seiner Vermutung richtig und der Ball konnte gefangen werden, ist es entspannt. Lag es mit der Vermutung falsch und der Ball flog in eine andere Richtung als erwartet, verarbeitet das Gehirn seine neue Erkenntnis, um seine zukünftigen Vorhersagen besser treffen zu können.
Das Gehirn ist zudem in der Lage, den Kontext mit einzubeziehen. Es kann unterscheiden, ob eine falsche Vorhersage aufgrund des Kontextes erfolgte und kann es als nicht relevante Ausnahme verbuchen. Der Kollege grüßt stets freundlich, wenn er Morgens das Büro betritt. An einem Tag hat er jedoch schlechte Laune und grüßt mit einem unerwarteten Unterton. Das Gehirn erkennt den Kontext sofort, beispielsweise dass der Kollege frisch Vater wurde und eventuell kaum geschlafen hat und gewichtet die falsche Vorhersage nicht.
Das Gehirn wartet also nicht auf den Input der Sinnesorgane, sondern trifft Annahmen, die auf Erfahrungen beruhen. Es holt sich von den Sinnesorganen die Rückmeldung zu seinen Vorhersagungen und sind diese falsch, verarbeitet das Gehirn diese Information und passt seine Erfahrungsmodelle an, um die Fehlerquote zu verringern.
Autistische Gehirne funktionieren hier anders. Sie denken absolut und in festen Regeln, also viel weniger kontextsensitiv. Jede Abweichung der eigenen Vorhersagungen wird ernst genommen und die bestehende Regel wird komplett ersetzt oder es wird eine neue und sehr spezifische Regel angelegt. So kann es passieren, dass aus der Regel „Der Kollege grüßt jeden Morgen freundlich“ plötzlich die Regel entsteht: „Der Kollege ist jeden Montag schlecht gelaunt. Dienstag bis Freitag grüßt der Kollege immer freundlich.“
Autisten erkennen Kontexte nicht automatisch, verstehen diese jedoch problemlos, werden sie darauf hingewiesen und können somit ihre Erfahrungsmodelle entsprechend abspeichern und nutzen.
Fazit zum Buch
Dieses Buch richtet sich an jeden, der sich mit Autismus beschäftigt und verstehen möchte, was Autismus bedeutet. Das Verständnis für das prädiktive Gehirn ist hierbei immens hilfreich. Nicht nur im Umgang mit Autisten, sondern auch als betroffener Autist selbst, um mehr Verständnis für sich zu haben.
Als Mutter von bislang mindestens zwei Autisten hilft mir dieses Verständnis im Umgang und der Kommunikation mit den Kindern. Ich kann ihnen zudem dabei helfen, ihre eigenen Erfahrungsmodelle entsprechend zu erweitern.
Ich selbst habe bisher erst die Diagnose ADHS offiziell und eine Verdachtsdiagnose, doch auch ich profitiere bereits von diesem Wissen über das prädiktive Gehirn und weiß, dass ich selbst mich auf den Kontext konzentrieren und diesen eventuell erfragen muss.
Ein absolut empfehlenswertes Buch!
Gruß,
Tanja




