Als ich selbst inmitten meiner schwer depressiven Episode stand, ohne Therapieplatz und mit einer langen Warteliste, die mir die Hoffnung auf zeitnahe Hilfe nahm, sah ich nur einen Ausweg: Selbsthilfe.
Aber wie? Hier wurde mein Aufenthalt in der Psychiatrie vor einigen Jahren zum Vorteil und ich rief mir in Erinnerung, wie mir damals in der Psychiatrie geholfen wurde, um die Erfahrung als Strategie für die Selbsthilfe zu nutzen. Es hat geholfen.
WICHTIG: Die nachfolgende Selbsthilfe-Strategie hat mir geholfen und KANN dir ebenso helfen, MUSS aber nicht. Leider funktioniert die mentale Gesundheit so einfach nicht und jeder muss schlussendlich seinen eigenen Weg finden. Genesung ist immer auch ein Prozess und dieser ist sehr individuell. Es ist mir wichtig, dass dir das bewusst ist, damit du nicht an dir zweifelst, falls der ein oder andere Ratschlag bei dir null Wirkung zeigt. Dann ist das so und du versuchst einfach etwas anderes aus.
1. Akzeptanz
Manche Dinge kann man nicht ändern oder zumindest nicht sofort. Es hilft nicht, sich zu fragen, warum es dir aktuell nicht gut geht, oder warum es so schwierig ist, einen Therapieplatz zu finden. Es ist jetzt eben so. Aber du bist nicht hilflos. Du kannst dir selbst helfen. Du kannst das schaffen. Warum solltest du nicht?
Akzeptanz ist der Beginn der Selbsthilfe. Hierzu habe ich bereits einen ausführlichen Blogbeitrag verfasst, den ich dir an dieser Stelle ans Herz lege.
2. Selbstwert
Würdest du für einen Menschen kämpfen, der dir völlig egal ist? Vermutlich eher weniger, richtig? Du bist dir selbst nicht egal, sonst würdest du diese Zeilen jetzt nicht lesen. Je wertvoller dir jemand ist, desto mehr und verbissener kämpfst du. Darum ist es wichtig, dass du deinen Selbstwert an erste Stelle setzt. Es verpasst dir einen ordentlichen Booster, den du zur Selbsthilfe ganz gut gebrauchen kannst.
3. Kenne deine Erkrankung
Das Wissen über die eigene Erkrankung nimmt der Erkrankung selbst ein wenig die Macht über dich und umgekehrt bekommst du durch das Wissen darüber ein wenig Eigenmacht zurück. Gerade wenn es um psychische Erkrankungen geht, ist das meiner Meinung nach ein wichtiger Bestandteil in der Selbsthilfe, wenn ich an all die Fehldiagnosen denke, die noch immer erteilt werden und von denen ich auch selbst betroffen war. Gerade weil bei psychischen Erkrankungen so viel im Inneren abläuft, auf das nur wir Betroffenen im vollen Umfang Zugang haben, wird einiges von Fachleuten fehlinterpretiert und falsch zugeordnet. Als Folge erhalten wir Betroffene falsche Diagnosen und falsche Behandlungen. Daher rate ich dir, setze dich mit deiner Erkrankung auseinander. Vertraue hierbei nicht vollständig auf Aussagen auf Social Media, sondern informiere dich auf einschlägigen und fachlich fundierten Seiten darüber. Hinterfrage auch das immer kritisch.
4. Reflektion
Ohne Reflektion keine Veränderung und ohne Veränderung keine Genesung. Fühle immer wieder in dich hinein und sei ehrlich mit dir selbst. Das betrifft nicht nur die negativen Eigenschaften oder Verhaltensweisen, sondern insbesondere auch die positiven. Psychische Erkrankungen bringen ein zu kritisches Selbstbild mit sich. Jeder Fehler wird überbewertet. Dabei vergessen wir all die positiven Eigenschaften und Verhaltensweisen und alles, was wir bisher schon erreicht haben. Zur Reflektion gehört aber auch das. Bewusst sehen und würdigen, was wir geschafft und zum Positiven verändert haben. Den Weg wertschätzen.
5. Selbstfürsorge
Dieses Thema ist so groß, dass Bücher darüber geschrieben werden. Selbstfürsorge verschafft dir mehr Resilienz und die brauchst du unbedingt, um zu genesen und um nicht erneut zu erkranken. Sorge für dich genauso, wie du für deine Liebsten sorgen würdest. Gönne dir was. Das ist die Kurzfassung davon. Gönne deinem Körper Erholung durch genügend und gesunden Schlaf. Gesunde Ernährung und Bewegung. Gönne ihm ein Wohlgefühl durch Sauberkeit. Gleiches gilt für deinen Geist. Auch dieser braucht Erholung, beispielsweise von Social Media und schlechten Nachrichten über diverse Medien. Reflektiere, was dir im Alltag Energie abverlangt und versuche hier Veränderungen vorzunehmen. Auch dein Geist braucht Bewegung, beispielsweise durch lesen, Schach spielen oder kreative Beschäftigungen wie zeichnen und basteln. Aber auch soziale Kontakte können einen Wohltat sein. Genauso wie einfach nichts tun und die Umgebung genießen. All das ist Selbstfürsorge. Gönne dir selbst gute Dinge.
6. Reden
Es ist wichtig, dass wir die Dinge von der Seele reden. Das hat den Effekt von „Ballast abwerfen“. Darum sind soziale Kontakte wichtig. Nicht jedem sind entsprechende Freunde gegönnt oder man möchte diese einfach nicht belasten. Da heißt es manchmal auch, kreativ werden. Wenn es so einfach wäre an Therapieplätze zu kommen, müssten wir uns nicht mit Selbsthilfe beschäftigen. Es gibt jedoch auch andere Möglichkeiten, um einfach zu reden. Beispielsweise durch die telefonische Seelsorge. Wer nicht gerne telefoniert, kann auch den Chat oder die Mail benutzen. So habe ich das gemacht. Auch Online-Foren sind eine gute Möglichkeit, um sich den Ballast von der Seele zu schreiben. Unter „Schnelle Hilfe“ auf meiner Webseite findest du weitere Anregungen und weiterführende Links hierzu.
7. Positiv Denken
Positives Denken ist wichtig für unsere mentale Gesundheit. Damit meine ich jedoch nicht, dass man dies koste es was es wolle tun soll. Du darfst etwas total besch…eiden finden und musst nicht zwingend etwas Positives darin finden. Manchmal ist etwas auch einfach schichtweg besch…eiden. Was wir tunlichst unterbinden sollten, ist ein verallgemeinertes Denken. Nicht ALLES ist doof, nur etwas ist doof. Nicht IMMER läuft es blöd, nur jetzt gerade läuft es so richtig blöd. Das wird auch nicht IMMER so bleiben. Es kommen bessere Tage. Ziemlich sicher ist auch nicht ALLES gerade total doof und es gibt auch das ein oder andere, was gar nicht so schlecht ist.
Ein Beispiel: Meine schwere Depression war echt besch…eiden und gleichzeitig war es toll, nicht mehr zur Arbeit zu müssen, die ich wirklich nicht ausstehen konnte. Mich zu Hause mehr oder weniger einzuschließen war nicht schön und gleichzeitig habe ich meine kreative Seite dabei wieder entdeckt und kann diese heute wieder nutzen, um schlechte Erlebnisse zu verarbeiten.
Es ist alles eine Frage der Perspektive. Das zu üben, lohnt sich.
8. Feier dich
Im Grunde genommen eine Wiederholung aus meinem Gesagten aus Punkt 4, aber weil es so wichtig ist, nochmal in aller Deutlichkeit: Feier jedes bisschen Erfolg und wenn es noch so klein ist. Sei für jedes bisschen stolz. Du kannst eine 15 Meter lange Treppe nicht bis nach oben steigen, ohne die Stufen zu gehen. Du kannst einige Stufen auslassen, mag sein, aber gehen musst du dennoch einzelne Stufen. So ist das auch in der Genesung. Jeder einzelne Schritt bringt dich deiner Genesung näher. Also würdige die Stufen, die du geschafft hast.
Und nun bist du dran. Viel Erfolg. Ich glaube an dich.
Gruß,
Tanja

