Vor langer Zeit wanderte ein junger Mann durch einen dichten Wald, als plötzlich der Boden unter seinen Füßen nachgab und er in eine tiefe Grube stürzte. Benommen richtete er sich auf. Die Wände waren steil und aus festem Erdreich. So laut er konnte, rief er um Hilfe. Immer wieder hallte seine Stimme zwischen den Wänden wider. Doch außer seinem eigenen Echo antwortete niemand. Er war tief im Wald, weit entfernt von jedem Dorf. Also versuchte er, die Wände hinaufzuklettern, rutschte jedoch immer wieder ab und landete zurück auf den Boden. Seine Hände waren wund, seine Kleidung zerrissen und seine Kräfte schwanden. Zwar hatte er genügend Proviant dabei, um einige Tage zu überleben, doch seine Hoffnung wurde mit jedem misslungenen Versuch kleiner. Schließlich legte er sich erschöpft auf den Boden.
„Es hat keinen Sinn mehr“, dachte er. „Ich werde diese Grube niemals verlassen.“
Er kämpfte nicht mehr gegen die Grube und lag einfach da. Da hörte er ein leises Zwitschern. Ein kleiner Vogel saß oben am Rand der Grube und sang immer wieder dieselbe einfache Melodie. Der junge Mann lauschte und irgendwann summte er unbewusst mit. Und während sie gemeinsam sangen, vergaß der junge Mann für einen Moment seine Verzweiflung. Als sein Blick über den Boden wanderte, entdeckte er einen flachen Stein. Er nahm ihn in die Hand und dachte: „Mit diesem Stein könnte ich graben.“
So begann er eine Stufe in die Grubenwand zu graben. Als die erste Stufe fertig war, grub er die zweite. Dann die dritte. Manchmal war die Erde weich, manchmal hart und er machte kaum Fortschritte. Dann ruhte er sich aus und machte sich danach erneut summend ans Werk. Stufe für Stufe entstand eine kleine Treppe. Nach vielen Stunden erreichte er schließlich den oberen Rand der Grube. Er kletterte hinaus, setzte sich ins Gras und atmete tief durch. Der Vogel saß noch immer auf einem Ast und sang fröhlich sein Lied. Der junge Mann bedankte sich freundlich beim Vogel für die hübsche Melodie und blickte lächelnd auf die Treppe hinab. Als er später gefragt wurde, wie er aus der Grube entkommen war, antwortete er belustigt: „Ein Vogel zwitscherte mir den Weg.“
Anmerkung
Diese kleine Geschichte stammt von mir. Ich schrieb sie als Impuls für meine Selbsthilfegruppe und für die Genesungsgruppe in der Psychiatrie, welche ich gerade vorbereite.
Wenn du magst, stell dir folgende Fragen zu dieser Geschichte:
- Was löst die Geschichte in dir aus?
- Wofür könnte der Vogel in dieser Geschichte stehen?
- Fällt dir etwas ein, das dir Kraft schenken könnte?
- Wofür könnte der Stein stehen?
- Was ist dein „Stein“?
- Wofür könnten die Stufen stehen?
- Welche Stufen hast du bereits erklommen?
- Was ist dein nächstes Ziel und wie könnten deine nächsten Schritte dahin aussehen?
Falls dir die Geschichte gefällt, freue ich mich, wenn du sie weitererzählst. Gleichzeitig würde ich mich darüber freuen, wenn du dabei auch die Autorin dahinter erwähnst. Zudem findest du hier zusätzlich ein Arbeitsblatt zum Thema Kraftquellen zum kostenlosen Download.
