Wer sich in einer psychiatrischen Klinik behandeln lässt, wird zwangsläufig den Psychopharmaka begegnen. Sie gehören bei vielen psychischen Erkrankungen zu den wichtigsten Behandlungsmöglichkeiten. Diese Medikamente haben jedoch meist Nebenwirkungen, weshalb sich manche Patienten gegen die Einnahme dieser Medikamente wehren. Das hat nicht selten ein Abbruch der Therapie zur Folge. Warum sind diese Medikamente den Ärzten so wichtig? Laut der Dokumentation „Der Schein trügt“ (1) wollen Ärzte vorallem eines: Geld. Die Dokumentation stamm vom Verein „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte Deutschland e.V. (kurz kvpm)“ (2) und laut diesem sind Psychopharmaka zudem hochgradig gefährlich. Hat der Verein Recht? Ich gehe der Sache genauer auf den Grund.
Meine persönliche Erfahrung aus der Psychiatrie
Zunächst möchte ich meine eigene Erfahrung aus der psychiatrischen Klinik schildern. Ich war selbst Patientin der psychiatrischen Gesundheitsversorgung, sowohl stationär, als auch ambulant. Auf der geschützten Akutstation vor über 10 Jahren erlebte ich viele der Patienten damals als „abwesend“. Unter dem Einfluss ihrer Medikamente waren sie träge im Handeln und Denken. Für mich als Mitpatientin war das ein furchteinflößender Anblick und ich hatte damals nicht verstanden, warum man die Menschen dort so mit Medikamenten sediert. Als ich Ende 2023 ambulant Hilfe in Anspruch nahm, weigerte ich mich nach einem kurzen Versuch, Antidepressiva zu nehmen. Die Nebenwirkungen waren furchtbar und so hatte ich mich dazu entschlossen, homöophatische Medikamente zu nutzen. Sie zeigten keinerlei Wirkung. Meine damals behandelnde Ärztin wollte mich jedoch nur dann krankschreiben, wenn sie mir Medikamente verschreiben durfte. So stimmte ich dem homöopathischen Mittel zu und belügte meine Ärztin, sie genommen zu haben. Viele Monate später stand ich als Mutter vor der Wahl, eine Behandlung mit Antidepressiva an meiner Tochter zuzustimmen. Ich willigte auf Druck von meinem Mann ein. Es war die richtige Entscheidung. Meiner Tochter ging es kurz darauf besser. Die Behandlung mit dem Antidepressivum dauerte am Ende nur 6 Monate lang und noch heute geht es ihr gut.
Inzwischen arbeite ich als Genesungsbegleiterin auf einer Akutstation in der psychiatrischen Klinik. Die Patienten dort haben überwiegend Psychose und Schizophrenie, oder eine akute Krise mit Borderline, Trauma und schwerster Depression. Ich lerne die Patienten in ihrer schwersten Zeit kennen. Manche verlassen viele Tage lang das Bett nicht und schweigen komplett. Andere sind so sehr in ihrem Wahn, dass sie aggressiv um sich schlagen oder in Panik über die Flure rennen. Diesen Menschen geht es absolut nicht gut und sie alle sind in der Klinik, weil sie Hilfe brauchen und alleine nicht aus diesem Zustand finden. Die Medikamente sind in der Regel die erste Wahl und tatsächlich beobachte ich in vielen Fällen nach einigen Tagen eine sichtbare Besserung bei den Patienten. Manche Patienten sind gerade deshalb erneut in der Klinik, weil sie die Medikamente abgesetzt haben und deshalb erneut in einem schizophrenen Wahn sind. Seltener und dennoch vorkommend, müssen Patienten zur Medikamenteneinnahme gezwungen werden. Seit ich in der Psychiatrie arbeite, kam das nur bei Patienten vor, die einen akuten paranoiden Wahn hatten. Nur wenige Tage später waren sie wie ausgewechselt und konnten normal an den Therapien teilnehmen und sich mit den anderen Patienten unterhalten. Meine Sicht auf die Medikamente hat sich seit meinem Arbeitsbeginn auf der Akutstation massiv geändert. Ich erlebe das Leid der Menschen in ihrer schwersten Krise und sehe, wie sehr die Medikamente ihnen helfen und ihnen wieder ein normales Leben ermöglichen. Gleichzeitig dauert es oftmals, bis sie das richtige Medikament gefunden haben. Daher sage ich den Patienten immer wieder, sie sollen bitte alle Veränderungen den Ärzten mitteilen, damit diese das richtige Medikament finden können. Niemand sollte Nebenwirkungen hinnehmen müssen, unter denen man leidet. Ich selbst nehme regelmäßig Medikamente für mein ADHS und der Nutzen überwiegt den Nebenwirkungen, weshalb ich mit den Nebenwirkungen gut leben kann.
Wie viel verdienen Psychiater an den Medikamenten wirklich?
Ärzte bekommen keine Provision für die Verschreibung von Rezepten. Rabatte- und Prämiensysteme sind zudem strafbar (3). Im Jahr 2018 wurde ein Internist verurteilt, weil er von einer Pharmaindustrie gegen Bezahlung Anwendungsbeobachtungen angestellt hatte (4). Hierbei werden den Patienten unter deren Einwilligung Medikamente verschrieben und die Wirkung beobachtet und protokolliert. Solche Beobachtungen sind nach wie vor erwünscht, jedoch nicht gegen Bezahlung (3). Wenn Ärzte nicht an den Medikamenten verdienen, dann die Klinik selbst? Grundsätzlich wird die Behandlung, ob stationär oder ambulant von der Krankenkasse übernommen. Der Medizinische Dienst überprüft hierbei, ob eine Behandlung medizinisch notwendig ist. Trifft das nicht zu, wird die Behandlung nicht bezahlt. Für die Klinik hieße das, dass sie auf den Behandlungskosten sitzen bleibt (5). Hier wird klar, die Klinik ist nicht daran interessiert, die Patienten möglichst lange in der Klinik zu behalten. Die Pflegefachkräfte, Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Genesungsbegleiter und Ärzte dokumentieren täglich den Therapieverlauf der Patienten (multiprofessionelle Behandlung).
Sind Psychopharmaka gefährlich und unnütz?
Laut dem Verein KVPM handelt es sich bei den Psychopharmaka nicht um Heilmittel. Stattdessen ist die Rede von Drogen (6) und man verweist auf zahlreiche Warnungen von Aufsichtsbehörden (7). Zunächst ist auffällig, dass die auf der Seite aufgeführten Warnungen (zwischen 2002 und 2006) alle über 20 Jahre alt sind. Aktuelle Studien zu Wirkung und Nebenwirkungen der einzelnen Medikamente werden nicht aufgeführt. Gleichzeitig handelt es sich nicht um Warnungen grundsätzlich auf die Einnahme zu verzichten. Vielmehr werden auf neue Erkenntnisse zu Nebenwirkungen hingewiesen und Packungsbeilagen, sowie Behandlung entsprechend geändert. Auffällig oft werden auf dieser Seite die Medikamente für ADHS, sowie die Störung selbst kritisiert (8). Zum einen wird behauptet, die Suizidrate würde bei der Einnahme von ADHS-Medikamenten steigen. Eine neuere Studie aus Schweden widerlegt das (9). Tatsächlich senken ADHS-Medikamente suizidales Verhalten, Substanzmissbrauch, Kriminalität, Verkehrsverletzungen, sowie unfallbedingte Verletzungen. Auch wird behauptet, ADHS wäre eine erfundene Krankheit. Zwar wird ADHS wird noch immer erforscht, um Diagnostik und Therapie weiter zu verbessern, die Existenz ist jedoch außer Zweifel (10).
Selbstverständlich sind Psychopharmaka mit Vorsicht zu genießen. Das gilt für sämtliche Medikamente. Jedes Medikament hat Nebenwirkungen und diese sollten immer mit dem Nutzen abgewogen werden. Menschen mit Psychose und Schizophrenie beispielsweise leiden enorm unter ihrer Erkrankungen und sie profitieren sehr gut von Neuroleptika, sodass sie ein angenehmes Leben führen können (11). Oftmals sind gerade die Medikamente die einzige Rettung (12).
Ist die Psychiatrie gefährlich?
Der deutsche Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. warnt ebenfalls vor der Behandlung in der Psychiatrie (13). Hier ist die Rede von einer „Ordnungsmacht“, die unangepasste Menschen psychiatrisieren würden und das System Psychiatrie wäre geradezu pervers. Man würde unschuldige Menschen mittels Zwangseinweisung dauerhaft wegsperren (falsch, diese Einweisung ist immer zeitlich begrenzt und unterliegt richterlicher Anordnung (14)). Auch ist hier die Rede von Folter und Tötungen. Todesfälle gibt es auch in der Klinik. Meist jedoch aufgrund von Vorerkrankungen und Suiziden (15), die nicht verhindert werden konnten. Die Psychiatrie sei eine Sekte, die Gehirnwäsche betreibe und das positive Denken austreibe. An dieser Stelle eine Anmerkung aus meinem Arbeitsalltag: Der Tag beginnt auf der Akutstation mit einem Morgenkreis, indem jeder etwas Positives aus dem Vortag und ein positives Ziel für den aktuellen Tag äußern soll. Die Teilnahme des Morgenkreises ist „erwünscht“, die Nicht-Teilnahme hat jedoch keine Konsequenz. Die Medikamente werden in Absprache mit den Patienten verabreicht. Eine Zwangsmedikation ist äußerst selten. Grundsätzlich legt man in vielen Kliniken Wert auf „Safewards“ (16), einen mitfühlenden Umgang zu den Patienten. Die Patienten werden keineswegs nur medikamentös lahmgelegt. Täglich gibt es Therapieangebote wie malen, basteln, musizieren, Sport, Gesellschaftsspiele oder gemeinsamer Stadtbummel. Ja, auch auf der geschützten Akutstation. Es gibt Fernsehabende und gemeinsames Grillen. Mit Sicherheit gibt es schlechte Kliniken, die ihre Patienten nicht gut behandeln. Standard ist das jedoch längst nicht mehr. Es ist bedauerlich, dass der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. solche Behauptungen auf ihrer Webseite veröffentlicht hat, wo doch ihr Ehrenmitglied Dorothea Buck selbst bereits 2005 sagte, dass sich die Psychiatrie sehr verbesserte und auch sie Medikamente nicht komplett ablehnte (17).
Fazit
Wir schreiben das Jahr 2026, Psychiatrie hat sich verändert. Natürlich ist nicht alles perfekt und auch hier arbeiten manchmal schlechte Menschen. Wer in der Psychiatrie schlecht behandelt wird, sollte sich an Beschwerdestellen richten. Nur so können Missstände aufgedeckt werden. Nur weil es in einzelnen Kliniken solche Missstände gibt, ist noch lange nicht das ganze Psychiatriesystem dermaßen kaputt. Solche pauschalen Aussagen schüren nur Angst und damit ist auch niemandem geholfen.
Liebe Grüße
Tanja
Quellen:
- (1) Der Schein trügt – Ein Blick in die Psychiatrie
- (2) Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte Deutschland e.V.
- (3) Anti-Korruptionsgesetz: Was Ärzte darüber wissen müssen
- (4) Die Verantwortung der Ärzte – Das Geschäft mit Medikamentenstudien
- (5) Stationäre Abrechnungsprüfung | Medizinischer Dienst Nord
- (6) Suchmaschine für Nebenwirkungen von psychiatrischen Drogen
- (7) Aufsichtsbehörden warnen vor Psychopharmaka
- (8) ADHS und Stimulanzien
- (9) ADHS: ADHS-Medikamente senken Suizide und Drogenkonsum – Deutsches Ärzteblatt
- (10) Betroffene Gehirnregionen bei ADHS – ADxS.org
- (11) Neuroleptika führen zu Hirnatrophie – Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft
- (12) Erfahrungsberichte / Geschichten über das Leben mit Schizophrenie | Boehringer Ingelheim DE
- (13) Die Verbrechen der Psychiatrie
- (14) 01.07.2025 Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten (PsychKG) | RECHT.NRW.DE
- (15) Todesfälle in der stationären Psychiatrie | Rechtsmedizin | Springer Nature Link
- (16) Safewards
- (17) Gemeinsam sind wir stark
