Inzwischen bin ich seit knapp fünf Monaten als Genesungsbegleiterin auf einer psychiatrischen Akutstation tätig. In meinem ersten Erfahrungsbericht habe ich bereits beschrieben, wie mein Arbeitsalltag nach dem ersten Monat aussah. Mittlerweile habe ich mich gut ins Team eingefunden, meinen eigenen Weg in der Arbeit mit den Patientinnen und Patienten gefunden und wirke sogar in einer internen Arbeitsgruppe mit.
Zeit für einen neuen Rückblick: Was hat sich verändert? Wie erlebe ich die Zusammenarbeit im Team? Wo sehe ich Verbesserungsbedarf?
Wie sieht meine Arbeit mit den Patientinnen und Patienten aus?
Der Hauptteil meiner Arbeit besteht aus Gesprächen mit den Patientinnen und Patienten. Manche suchen von sich aus das Gespräch, andere spreche ich gezielt an. Die Inhalte sind natürlich unterschiedlich, doch häufig geht es um Themen wie den Umgang mit der eigenen Erkrankung, Selbstfürsorge, Hoffnung und hilfreiche Skills. Dabei begegne ich den Menschen auf Augenhöhe. Als Peer kann ich eigene Erfahrungen einbringen und Verständnis für Situationen zeigen, die ich aus meinem eigenen Leben kenne. Gleichzeitig höre ich den Erfahrungen der Patientinnen und Patienten zu und lerne auch selbst daraus. Bei EX-IN sprechen wir in diesem Zusammenhang vom „Wir-Wissen“: Wissen, das durch den Austausch zwischen Menschen mit eigenen Erfahrungen entsteht. Jede Begegnung erweitert unseren Erfahrungsschatz, und die Erkenntnisse daraus können wiederum in meine weitere Arbeit einfließen.
Für die praktische Arbeit habe ich mit Einverständnis der behandelnden Therapeutinnen, Therapeuten und Ärztinnen und Ärzte ein Genesungsheft für die Station entwickelt. Es enthält Übungen zur Selbsthilfe und hilfreiche Adressen für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt. Eine Version zum kostenlosen Download findet ihr hier. Das Heft kommt bisher gut bei den Patientinnen und Patienten an. Manchmal verteile ich auch nur einzelne Arbeitsblätter, wenn ich den Eindruck habe, dass das vollständige Heft gerade zu viel wäre.
Seit ich zwei Stationen betreue, bleibt leider weniger Zeit für Spaziergänge und Gesellschaftsspiele. Gerade diese Angebote waren oft ein guter Eisbrecher, um miteinander ins Gespräch zu kommen.
Wie funktioniert die Arbeit im Team?
Wie eben erwähnt, vertrete ich aktuell zwei Stationen und eine davon ist quasi meine Hauptstation. Als Autistin fällt mir der tägliche Wechsel zwischen den beiden Stationen schwer. Die unterschiedlichen Teams, Abläufe und Umgebungen bedeuten für mich zusätzliche Anpassungsarbeit. Inzwischen gelingt mir der Wechsel besser als zu Beginn, dennoch kostet er mich weiterhin Kraft. Mit dem anderen Team bin ich bisher noch nicht so vertraut geworden. Mein eigentliches Team fühlt sich für mich inzwischen wie ein Stück Zuhause an. Dort fühle ich mich wohl, gut aufgenommen und in meiner Arbeit wertgeschätzt. Gleichzeitig lerne ich viel von jedem einzelnen und bin hierfür sehr dankbar (sie füttern alle mein Spezialinteresse *g*). Ein Teil meiner Vorbereitung findet auch außerhalb meiner Arbeitszeit statt. So recherchiere ich beispielsweise passende Anlaufstellen für die Patientinnen und Patienten und habe das Genesungsheft in meiner Freizeit entwickelt. Mein Team hat dieses Engagement wahrgenommen und positiv rückgemeldet. Natürlich unterstütze ich auch bei alltäglichen Aufgaben, wenn es gerade passt und ich helfen kann. Schließlich arbeiten wir gemeinsam auf der Station und profitieren davon, wenn wir uns gegenseitig unterstützen.
Eine wichtige Aufgabe der Genesungsbegleitung ist auch die Fürsprache für die Patientinnen und Patienten. Damit tue ich mich an manchen Stellen noch schwer. Ich befinde mich selbst noch in der Probezeit und bin natürlich daran interessiert, meine Stelle zu behalten und gut mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig fällt es mir nicht immer leicht, Kritik offen anzusprechen. Meine komplexe PTBS hängt unter anderem mit früheren Mobbingerfahrungen zusammen, weshalb die Angst vor Ausgrenzung für mich noch immer ein Thema ist. Auch als Autistin empfinde ich konfrontative Gespräche häufig als herausfordernd. Deshalb ist die Fürsprache ein Bereich, in dem ich noch Erfahrungen sammeln und meinen eigenen Weg finden muss. Unabhängig davon ist es mir wichtig, dass die Patientinnen und Patienten ihre Rechte kennen. Wenn es angebracht ist, informiere ich sie deshalb auch über die Möglichkeit, sich an eine unabhängige Beschwerdestelle zu wenden.
Welche Einblicke in den Klinikalltag habe ich?
Bevor ich zwei Stationen vertreten habe, habe ich jeden Tag an der multiprofessionellen Übergabe teilgenommen. Da ich nur 20 Stunden in der Woche arbeite und nun doppelt so viele Patienten begleite, bleibe ich der Übergabe fern, was ich bedaure. Arztvisiten könnte ich beiwohnen, mache das allerdings nur auf Wunsch des Patienten. Viele Patientinnen und Patienten sind vor einer Visite nervös oder danach aufgewühlt. Deshalb entscheide ich je nach Situation, ob meine Anwesenheit bei der Visite sinnvoll ist oder ob ich in dieser Zeit lieber für andere Patienten auf der Station ansprechbar bleibe. Auch darf ich an allen Ergotherapien teilnehmen, mache das jedoch nur dann, wenn diese auf der Station selbst stattfindet und es sich einfach gerade anbietet. Viel öfter beschäftige ich mich in der Zeit mit anderen Patienten, die nicht an der Therapie teilnehmen können oder wollen. Ich habe also an sich viel Freiraum und darf überall teilnehmen.
Besonders freue ich mich darüber, dass ich in einer internen Arbeitsgruppe zur Reduzierung von Zwangsmaßnahmen mitwirken darf. Dort kann ich meine Perspektive als Psychiatrie-Erfahrene einbringen und an Überlegungen zu möglichen Verbesserungen teilnehmen. Bei unserem ersten Treffen hatte ich den Eindruck, dass meine Beiträge offen aufgenommen wurden. Ich bin gespannt, wie sich die Arbeit der Gruppe weiterentwickelt, und werde zu einem späteren Zeitpunkt gerne mehr darüber berichten.
Wo erkenne ich Verbesserungsbedarf im Bezug zu meiner Arbeit?
Auch ich bin dazu angehalten, die Kontakte zu den Patientinnen und Patienten zu dokumentieren. Gleichzeitig habe ich noch keinen eigenen Zugriff auf das dafür vorgesehene Programm. Dass ich keinen eigenen Zugriff auf das Dokumentationssystem habe, empfinde ich als Einschränkung meiner Arbeit. Meine Kontakte zu den Patientinnen und Patienten muss ich an die Kolleginnen und Kollegen weitergeben, die sie anschließend dokumentieren. Dadurch entsteht zusätzlicher Aufwand für das Team, und ich selbst habe keinen unmittelbaren Zugriff auf die Informationen, die ich für meine Arbeit benötige.
Außerhalb der Klinik findet monatlich ein Gespräch unter Genesungsbegleitern statt, bei dem keine Vorgesetzten anwesend sind. Diesen Austausch halte ich für wichtig, weil wir dort Erfahrungen teilen und uns gegenseitig unterstützen können. Gleichzeitig fehlt mir ein regelmäßiger Austausch mit den Vorgesetzten, um die Rahmenbedingungen unserer Arbeit gemeinsam weiterzuentwickeln. Gerade weil wir unterschiedliche Vorgesetzte haben, würde ich mir mehr Möglichkeiten wünschen, gemeinsame Ziele zu formulieren und Verbesserungsvorschläge einzubringen. Solche Gespräche könnten auch dazu beitragen, die Rolle der Genesungsbegleitung stärker im Klinikalltag zu verankern.
Am meisten beschäftigt mich die Frage, wie Genesungsbegleitung flächendeckend in psychiatrischen Kliniken etabliert werden kann. Meiner Meinung nach sollte jede Station ausreichend durch Genesungsbegleiter abgedeckt sein, idealerweise mit einer festen Ansprechperson vor Ort. Gerade auf Akutstationen kann es hilfreich sein, wenn Patienten jederzeit die Möglichkeit haben, mit jemandem zu sprechen, der eigene Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen und dem psychiatrischen Hilfesystem mitbringt.
Es bleibt also noch einiges zu tun.
FAZIT
Nach fünf Monaten als Genesungsbegleiterin ziehe ich insgesamt ein positives Fazit. Ich fühle mich in meinem Beruf wohl, lerne täglich dazu und freue mich darüber, dass meine Arbeit im Team wertgeschätzt wird. Gleichzeitig sehe ich, dass es bei der Integration von Genesungsbegleitern in psychiatrische Kliniken noch Verbesserungsbedarf gibt. Dazu gehören für mich eine verlässliche Einbindung in den Informationsfluss, klare Kommunikationswege und ausreichend Zeit für die eigentliche Genesungsbegleitung. Auch eine stärkere berufliche Interessenvertretung wäre aus meiner Sicht wichtig, damit Genesungsbegleiter bei strukturellen Fragen nicht auf sich allein gestellt sind. Ich weiß, dass EX-IN Deutschland und EX-IN NRW an der Weiterentwicklung der Genesungsbegleitung arbeiten. Ich hoffe, dass sich in den kommenden Jahren noch einiges bewegt. Trotz aller Herausforderungen bereue ich meine Entscheidung nicht. Ich liebe meinen Beruf und freue mich darauf, mich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln.
Liebe Grüße,
Tanja
