Die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung ist diagnostisch anspruchsvoll und kann sich mit anderen psychischen Störungen in ihrem Erscheinungsbild überschneiden. Das kann zu Falschdiagnosen oder verspätet richtigen Diagnosen führen. Diagnosen sind wichtig, um passende Behandlungsangebote und therapeutische Unterstützung zu erhalten. Gerade bei Borderline können sich die Symptome mit denen anderer psychischer Störungen überschneiden, wodurch die differenzialdiagnostische Abklärung besonders wichtig wird.
Ich selbst erhielt ebenfalls die Diagnose Borderline im Alter von ca. 23 Jahren, welche ca. 15 Jahre nicht mehr bestätigt wurde. Stattdessen wurden die Diagnosen komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS), rezidivierende Depression, ADHS und Autismus gestellt. Rückblickend frage ich mich, wie viel Leid mir durch eine frühere differenzialdiagnostische Abklärung hätte erspart werden können.
Im nachfolgenden gehe ich aus diesem Grund näher auf die Diagnose Borderline ein.
Entstehungsgeschichte der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung
Der Begriff „Borderline“ wurde in der psychiatrischen Literatur bereits von dem amerikanischen Psychiater Charles H. Hughes 1884 verwendet. Er beschrieb damit psychische Zustände, die er zwischen psychotischen und neurotischen Zuständen verortete. Der Begriff ‚borderline‘ bezeichnet im Englischen sinngemäß eine Grenze bzw. einen Grenzbereich. Der historische Begriff ‚Neurose‘ bezeichnete unterschiedliche psychische Störungen, bei denen die Realitätsprüfung im Allgemeinen als erhalten galt. Psychosen wurden demgegenüber mit einer erheblichen Beeinträchtigung der Realitätsprüfung verbunden. Diese historische Unterscheidung entspricht jedoch nicht einfach der heutigen psychiatrischen Diagnostik. Der amerikanische Psychiater Adolph Stern veröffentlichte 1938 die Arbeit „Psychoanalytic investigation of and therapy in the borderline group of neuroses“ und verwendete darin ebenfalls den Begriff ‚borderline‘ für eine von ihm beschriebene Gruppe von Patienten, die er zwischen neurotischen und psychotischen Störungen einordnete.
- Narzissmus, eine starke Abhängigkeit des Selbstwertgefühls von der Bestätigung durch andere.
- kompletter Zusammenbruch nach einer traumatischen oder extrem belastenden Erfahrung.
- Überempfindlichkeit: erhöhte Wachsamkeit, starke Reaktionsbereitschaft, extreme Sensibilität gegenüber Kritik, Wahrnehmung von Angriffen in paranoider Form.
- Unflexible Reaktionen auf Situationen.
- Negative therapeutische Reaktion: die Aussagen des Therapeuten würden nicht als neutral bewertet werden, sondern als persönlichen Angriff und Verletzung des Selbstwertes. Die Reaktion darauf kann extrem werden, bis hin zu suizidalen Äußerungen.
- Minderwertigkeitsgefühle: Die Betroffenen sind selbst davon überzeugt, minderwertig zu sein.
- Selbstmitleid: Betroffene leiden unter Selbstmitleid und erzeugen aktiv Situationen, um das Selbstmitleid aufrecht zu erhalten. Dies zeige sich in wiederkehrenden destruktiven Beziehungsmuster im Beruf und privaten Umfeld. (=Selbstschädigung)
- Verdeckte Angst: Betroffene leiden unter erheblicher und ständiger Angst, welche man ihnen jedoch nicht ansehen würde (durch Maskierung).
- Projektion: innere Ängste werden auf andere Menschen projiziert, bzw. Mitmenschen werden als Bedrohung angesehen. Die Reaktion darauf kann eine aggressive Haltung sein.
- Schwierigkeit bei der Realitätsprüfung: Adolph Stern beschreibt, er wird von den Patienten dermaßen idealisiert, wie es etwa naive Kinder täten. Er würde nahezu als Gott oder Magier angesehen. Kleinste Abweichungen davon würden sofort in eine Entwertung führen. Gleichzeitig beschreibt er, dass Patienten auf analytische Anmerkungen des Therapeuten mit übermäßiger Angst reagieren würden. Als seien sie bei etwas ertappt worden und ihnen würde nun eine Strafe drohen.
Im Jahr 1953 schreibt der Psychiater Robert P. Knight im „Bulletin of the Menninger Clinic“ (3), der Begriff „Borderline-Zustand“ würde vorwiegend in Fällen verwendet, in denen der Behandler sich nicht zwischen Psychose und Neurose entscheiden könne. Damit kritisiert Knight die Verwendung des Begriffs als Ausdruck diagnostischer Unklarheit. Ab den 1960er Jahren entstanden zunehmend ausgearbeitete theoretische und klinische Konzepte des Borderline-Begriffs. Otto F. Kernberg analysierte in seiner Facharbeit „Borderline Conditions and Pathalogical Narcissm“ (4) anhand einiger Studien, sowie einschlägiger Fachliteratur die Organisation der Borderline-Persönlichkeit. Kernbergs Konzept prägte die weitere theoretische Entwicklung des Borderline-Begriffs erheblich und wurde zu einem wichtigen Bezugspunkt für die spätere Diskussion über die Borderline-Persönlichkeit. Auch Kernberg ordnet die Borderline-Persönlichkeitsorganisation zwischen neurotischer und psychotischer Organisation ein. Im Gegensatz zur Psychose sei bei Borderline der Realitätsabgleich noch erhalten und lediglich unter Einfluss von Substanzen oder erheblichem Stress beeinträchtigt. Auch betont er, dass kein einzelnes Symptom Borderline beweise, sondern das Vorhandensein von mehreren Symptomen auf Borderline hinweisen können.
Als zentrale Problematik der Borderline-Persönlichkeitsstörung nennt er die Identitätsdiffusion: Es fehle ein ausreichend stabiles, zusammenhängendes Bild davon, wer man selbst sei. (Erklärung: Ein Mensch mit gut integrierter Identität weiß, dass er gute und schlechte Eigenschaften hat und kann diese benennen. Bei einer Identitätsdiffusion sind diese Selbstbilder stark voneinander getrennt. Man ist entweder gut oder böse. Beide Bilder werden absolut wahrgenommen und können täglich mehrmals wechseln. Das gilt ebenfalls für das Bild anderer Menschen.) In diesem Kontext seien zwischenmenschliche Beziehungen bei Borderliner instabil. Kernberg beschreibt im Rahmen seines Konzepts der Borderline-Persönlichkeitsorganisation unter anderem primitive Abwehrmechanismen wie Spaltung und projektive Identifizierung. (Vereinfacht erklärt: Ein Mensch erlebt starke eigene Aggressionen. Diese ist jedoch kaum auszuhalten und wird deshalb anderen zugeschrieben: Nicht ich bin aggressiv, sondern du bist derjenige, der mich angreifen will. Gleichzeitig bleibt der Betroffene emotional stark mit dem anderen verbunden und erlebt diesen weiterhin als potenziell gefährlich. Also wird daraus „Ich glaube, dass du mich angreifen wirst, deshalb muss ich dich kontrollieren oder angreifen.“ Die eigene Aggression wird also nach außen verlagert, aber nicht wirklich psychisch aufgegeben.) Dies könne sich wiederum als extreme Eifersucht, Kontrollverhalten, Forderung nach ständiger Rückversicherung, Manipulation, starke Reaktion auf Distanz, intensive Angst vor Zurückweisung, Rückzug und Abwertung zeigen. Diese Verhaltensweisen entstünden nicht notwendigerweise aus bewusster Bosheit, sondern als Ausdruck einer tiefen, instabilen inneren Objektbeziehung. Auch geht Kernberg auf die charakteristische Impulsivität bei Borderline näher ein und unterscheidet hierbei zwischen unspezifischer Impulsivität, also eine allgemeine Schwierigkeit der Impulskontrolle und spezifisch, charakterologisch organisierte Impulsausbrüche, wie sie bei Borderline vorkämen. Hierbei steht der Impuls in Verbindung mit bestimmten inneren Konflikten und abgespaltenen psychischen Zuständen. Diese zeigten sich beispielsweise durch Sucht, Substanzmissbrauch, Kleptomanie, bestimmte sexuelle Verhaltensweisen und impulsives Agieren. Der Impuls diene dabei häufig dazu, eine extreme innere Anspannung schnell zu reduzieren. Ein wichtiger Aspekt sei zudem häufig vorkommende sehr starke aggressive Triebanteile, die sich nach innen und nach außen richten. So äußere sich eine depressive Episode bei Borderliner stärker durch Wut, Kränkung, Hilflosigkeit und einem Gefühl von Besiegtsein.
Im Jahr 1975 erschien der Artikel „Defining borderline patients: an overview“ von Margaret T. Singer und John G. Gunderson (5), deren Arbeit einen weiteren wichtigen Beitrag zur klinischen Beschreibung des Borderline-Konzepts darstellte. Auch sie betonten die Besonderheit von Wut und einer andersartigen Depression bei Borderlinern. Die Gefühle seien besonders in negativen Aspekten ausgeprägt und das empfinden von Vergnügen und Zufriedenheit sei besonders erschwert. Die Autoren verweisen auf ein im Ergebnis auffällig selbstzerstörerisches Verhalten, nicht jedoch in der derer Absicht. Dies zeige sich beispielsweise durch sexuelles Verhalten auf der Suche nach Zuneigung, Selbstverstümmelung und Suizidandrohungen mit dem Ziel der Beziehungsmanipulation oder Sucht um zu fliehen. Borderliner würden diese Verhaltensweisen jedoch nicht als selbstzerstörerisch ansehen. Die Autoren kommen zudem zum Schluss, dass Beziehungen allgemein eher oberflächlich und vorübergehend gehalten werden, enge Beziehungen jedoch intensiv, abhängig und manipulativ. Borderliner seien aktiv mit anderen Menschen verbunden und nicht besonders sozial zurückgezogen.
Schließlich wird im Jahr 1980 die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung erstmals im DSM III aufgenommen (6). Demnach sind Persönlichkeitsmerkmale dauerhaft, starr und maladaptiv (fehlangepasst). Sie zeigen sich zudem meist bereits in der Adoleszenz oder früher und bleiben bis ins Erwachsenenalter bestehen. Auch in der spezifischen Beschreibung zur Borderline-Persönlichkeitsstörung wird erklärt, es handle sich hierbei um eine tiefgreifende Identitätsstörung. Die Stimmung sei oft instabil und zeige sich durch überwiegend negative Emotionen. Unter dem Punkt Differenzialdiagnose wird explizit erwähnt, dass Borderline keine hypomanischen Phasen zeige. Zudem seien die zwischenmenschlichen Beziehungen oft intensiv und instabil. Im DSM-III erschienen erstmals acht Symptomkriterien, von denen mindestens fünf erfüllt sein mussten, unabhängig von den zuvor beschriebenen Hauptmerkmalen. Hierfür gab es bereits 1983 Kritik, beispielsweise von William Goldstein (7), der den Checklistenansatz bemängelt, weil es das dynamische Verständnis von Borderline wegnimmt. Auch T. A. Aronson (8) kritisiert 1985 den DSM III und beschreibt die Diagnose Borderline als „Papierkorb-Diagnose“. Die Kritik an Borderline als unscharfer Sammel- oder Restkategorie war damit keineswegs neu. Bereits 1953 hatte Robert P. Knight die Verwendung des Begriffs als Ausdruck diagnostischer Unsicherheit kritisiert.
Im DSM IV (9), das 1994 erschien, wurde die diagnostische Beschreibung der Persönlichkeitsstörungen und der Borderline-Persönlichkeitsstörung weiter ausgearbeitet. Im DSM IV wird die Angst vor tatsächlichem oder eingebildetem Verlassenwerden erstmals als eigenständiges Kriterium formuliert. Außerdem werden bestimmte Verhaltensweisen beschrieben, mit denen Betroffene versuchen können, ein Verlassenwerden zu verhindern. Im DSM-III war die Problematik des Verlassenwerdens bereits in den Kriterien enthalten, allerdings noch nicht als eigenständiges Kriterium in der späteren Formulierung. Gleichzeitig wird hier die Identitätsstörung als möglich beschrieben, nicht jedoch als Hauptmerkmal, wie es ursprünglich Otto F. Kernberg festgestellt hatte. Die Emotionalität wird auch hier überwiegend negativ und selten mit positiven Gefühlszuständen beschrieben. Auch hier werden die heute bekannten 9 Kriterien aufgelistet, im Kontext mit der übergreifenden Instabilität der zwischenmenlichen Beziehungen und dem Selbstbild. Mit der ICD 10 wurde Borderline 1992 erstmals ausdrücklich als Borderline-Typ innerhalb der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung erfasst. Die ICD 11 ist international bereits in Kraft. In Deutschland ist jedoch weiterhin die ICD-10-GM die amtlich gültige Klassifikation; das BfArM arbeitet derzeit an der deutschen Umsetzung. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung wird unter der emotional Instabilen Persönlichkeitsstörung (10) aufgeführt. Hier wird ein impulsives und rücksichtsloses Verhalten beschrieben, mit einer unvorhersehbaren und launischen Stimmung und der Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten. Weiter unterscheidet man zwischen dem impulsiven Typ und dem Borderline-Typ. Der Boderline-Typ zeigt zusätzlich Störungen im Selbstbild, intensive und instabile zwischenmenschliche Beziehungen, chronisches Gefühl der Leere und der Neigung zu selbstzerstörerischem Verhalten.
Im ICD 11 wurde das komplette Bild der Persönlichkeitsstörung überarbeitet (11). Grundsätzlich ist zunächst die Identität und das Selbstwertgefühl erheblich und dauerhaft beeinträchtigt, ebenso die Fähigkeit zwischenmenschlichen Beziehungen zu führen und ist geprägt von unflexiblen und schlecht regulierten Emotionen. Man unterscheidet zwischen einer leichten, moderaten und schweren Persönlichkeitsstörung. Um eine Persönlichkeitsstörung diagnostizieren zu können, muss das Muster seit mindestens 2 Jahren bestehen und sie darf nicht im kontext spezifischer Beziehungen sichtbar werden, sondern unabhängig der Beziehungen, Rollen und Umfeld. Das Borderline-Muster ist zusätzlich gekennzeichnet durch ein hektisches Bemühen, reales oder eingebildetes Verlassenwerden zu vermeiden, selbstschädigendes Verhalten, Selbstverletzung, emotionale Instabilität aufgrund von Stimmungsreaktivität, chronisches Gefühl der Leere, unangemessene und intensive Wut, dissoziative Symptome und psychotisch ähnliche Merkmale.
Diagnosekriterien Borderline heute
DSM 5
Allgemeine Persönlichkeitsstörung:
A. Ein dauerhaftes Muster von inneren Erfahrungen und Verhalten, das deutlich von den Erwartungen der Kultur der Person abweicht. Dieses Muster zeigt sich in zwei (oder mehr) der folgenden Bereiche:
1. Kognition (d.h. Wege, sich selbst, andere Menschen und Ereignisse wahrzunehmen und zu interpretieren).
2. Affektivität (d.h. das Spektrum, die Intensität, Schwankungen und Angemessenheit emotionaler Reaktionen).
3. Zwischenmenschliches Funktionieren.
4. Impulskontrolle.
B. Das dauerhafte Muster ist unflexibel und in einem breiten Spektrum von persönlichen und sozialen Situationen allgegenwärtig.
C. Das dauerhafte Muster führt zu klinisch bedeutsamem Stress oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
D. Das Muster ist stabil und dauert lange an, und sein Beginn lässt sich mindestens bis in die Jugend oder frühes Erwachsenenalter zurückverfolgen.
E. Das anhaltende Muster lässt sich nicht besser als Ausdruck oder Folge einer anderen psychischen Störung erklären.
F. Das anhaltende Muster ist nicht auf die physiologischen Auswirkungen einer Substanz (z. B. Drogenmissbrauch, Medikamente) oder einer anderen medizinischen Erkrankung (z. B. Kopfverletzung) zurückzuführen.
Borderline-Persönlichkeitsstörung:
Ein weit verbreitetes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, Selbstbild und Gefühlen sowie ausgeprägter Impulsivität, das bereits im frühen Erwachsenenalter beginnt und in verschiedenen Kontexten auftritt, wie durch fünf (oder mehr) der folgenden Punkte angezeigt:
- Verzweifelte Bemühungen, tatsächliches oder eingebildetes Verlassenwerden zu vermeiden. (Hinweis: Suizidale oder selbstverletzende Verhaltensweisen, die unter Kriterium 5 fallen, nicht einschließen.)
- Ein Muster instabiler und intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, gekennzeichnet durch Wechsel zwischen Extremen von Idealisierung und Abwertung.
- Identitätsstörung: deutlich und dauerhaft instabiles Selbstbild oder Selbstgefühl.
- Impulsivität in mindestens zwei Bereichen, die potenziell selbstschädigend sind (z. B. Ausgaben, Sex, Substanzmissbrauch, riskantes Fahren, Fressanfälle). (Hinweis: Suizidale oder selbstverletzende Verhaltensweisen, die unter Kriterium 5 fallen, nicht einschließen.)
- Wiederkehrendes suizidales Verhalten, Gesten oder Drohungen oder selbstverletzendes Verhalten.
- Affektive Instabilität aufgrund stark ausgeprägter Stimmungsschwankungen (z. B. intensive episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, meist nur wenige Stunden, selten länger als ein paar Tage).
- Chronische Gefühle der Leere.
- Unangemessene, intensive Wut oder Schwierigkeiten, Wut zu kontrollieren (z. B. häufige Wutausbrüche, konstante Wut, wiederkehrende körperliche Auseinandersetzungen).
- Vorübergehende, stressbedingte paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.
ICD 10
Allgemeine Persönlichkeitsstörung:
Dieser Block umfasst eine Vielzahl von Erkrankungen und Verhaltensmustern von klinischer Bedeutung, die in der Regel persistent sind und offenbar Ausdruck des charakteristischen Lebensstils und der Art der Beziehung der Person zu sich selbst und anderen zu sein. Einige dieser Bedingungen und Verhaltensmuster treten früh im Verlauf der individuellen Entwicklung auf, als Folge sowohl konstitutioneller Faktoren als auch sozialer Erfahrung, während andere erst später im Leben erworben werden. Spezifische Persönlichkeitsstörungen (F60.-), gemischte und andere Persönlichkeitsstörungen (F61.-) sowie anhaltende Persönlichkeitsveränderungen (F62.-) sind tief verwurzelte und anhaltende Verhaltensmuster, die sich als unflexible Reaktionen auf eine Vielzahl persönlicher und sozialer Situationen äußern. Sie stellen extreme oder bedeutende Abweichungen von der Art und Weise dar, wie der durchschnittliche Mensch in einer bestimmten Kultur andere wahrnimmt, denkt, fühlt und insbesondere mit ihnen umgeht. Solche Verhaltensmuster sind in der Regel stabil und umfassen mehrere Bereiche von Verhalten und psychologischer Funktion. Sie sind häufig, aber nicht immer, mit verschiedenen Graden subjektiver Belastung und Problemen der sozialen Leistung verbunden.
Emotional instabile Persönlichkeitstörung:
Eine Persönlichkeitsstörung mit deutlicher Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung. Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren. Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden. Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden: Ein impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle; und ein Borderline- Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, durch ein chronisches Gefühl von Leere, durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.
Persönlichkeitsstörung (Störung):
– Aggressiv
– Grenze
– Explosiv
ICD 11
Persönlichkeitsstörung:
Die Persönlichkeitsstörung ist gekennzeichnet durch Probleme im Funktionieren von Aspekten des Selbst (z. B. Identität, Selbstwert, Genauigkeit der Selbstwahrnehmung, Selbststeuerung) und/oder zwischenmenschliche Dysfunktion (z. B. die Fähigkeit, enge und gegenseitig befriedigende Beziehungen zu entwickeln und aufrechtzuerhalten, die Fähigkeit, die Perspektiven anderer zu verstehen und Konflikte in Beziehungen zu bewältigen), die über einen längeren Zeitraum bestehen (z. B. 2 Jahre oder mehr). Die Störung zeigt sich in kognitiven Mustern, emotionalen Erfahrungen, emotionalem Ausdruck und Verhalten, die maladaptiv sind (z. B. unflexibel oder schlecht reguliert) und zeigt sich in einer Vielzahl persönlicher und sozialer Situationen (d. h. nicht auf bestimmte Beziehungen oder soziale Rollen beschränkt). Die Verhaltensmuster, die die Störung kennzeichnen, sind entwicklungsmäßig nicht angemessen und können nicht primär durch soziale oder kulturelle Faktoren erklärt werden, einschließlich soziopolitischer Konflikte. Die Störung ist mit erheblichen Belastungen oder erheblichen Beeinträchtigungen in persönlichen, familiären, sozialen, bildungsbezogenen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verbunden.
Grenzmuster:
Der Borderline-Muster-Spezifizator kann auf Personen angewendet werden, deren Persönlichkeitsstörungsmuster durch ein allgegenwärtiges Muster von Instabilität zwischenmenschlicher Beziehungen, Selbstbild und Affekten sowie ausgeprägte Impulsivität gekennzeichnet ist, wie viele der folgenden zeigen: hektische Bemühungen, realen oder eingebildeten Verlassenwerden zu vermeiden; Ein Muster instabiler und intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen; Identitätsstörung, manifestiert in deutlich und anhaltend instabilem Selbstbild oder Selbstbewusstsein; Eine Tendenz, in Zuständen starker negativer Affekt unüberlegt zu handeln, was zu potenziell selbstschädlichen Verhaltensweisen führt; Wiederholte Episoden von Selbstverletzung; Emotionale Instabilität aufgrund ausgeprägter Stimmungsreaktivität; Chronische Gefühle der Leere; Unangemessene intensive Wut oder Schwierigkeiten, ihre Wut zu kontrollieren; Vorübergehende dissoziative Symptome oder psychotisch ähnliche Merkmale in Situationen mit hoher affektiver Erregung.
Der Borderline-Muster-Spezifizator kann auf Personen angewendet werden, deren Persönlichkeitsstörungsmuster durch ein allgegenwärtiges Muster von Instabilität zwischenmenschlicher Beziehungen, Selbstbild und Affekten sowie ausgeprägte Impulsivität gekennzeichnet ist, wie durch fünf (oder mehr) der folgenden Kriterien angezeigt:
- Verzweifelte Bemühungen, eine reale oder eingebildete Aufgabe zu vermeiden.
- Ein Muster instabiler und intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch Schwankungen zwischen Idealisierung und Abwertung gekennzeichnet sein kann, typischerweise mit starkem Wunsch nach und Angst vor Nähe und Intimität verbunden.
- Identitätsstörung, die sich in einem deutlich und anhaltend instabilen Selbstbild oder Selbstbild manifestiert.
- Eine Tendenz, in Zuständen starken negativen Affekts unüberlegt zu handeln, was zu potenziell selbstschädigenden Verhaltensweisen führt (z. B. riskantes sexuelles Verhalten, rücksichtsloses Fahren, übermäßiger Alkohol- oder Substanzkonsum, Binge-Eating).
- Wiederholte Episoden von Selbstverletzung (z. B. Suizidversuche oder -gesten, Selbstverstümmelung).
- Emotionale Instabilität aufgrund ausgeprägter Stimmungsreaktivität. Stimmungsschwankungen können entweder intern (z. B. durch eigene Gedanken) oder durch äußere Ereignisse ausgelöst werden. Infolgedessen erlebt die Person intensive dysphorische Stimmungszustände, die typischerweise einige Stunden andauern, aber bis zu mehrere Tage andauern können.
- Chronische Gefühle der Leere.
- Unangemessene intensive Wut oder Schwierigkeiten, ihre Wut zu kontrollieren, äußerten sich in häufigen Temperamentsausbrüchen (z. B. Schreien oder Schreien, Werfen oder Zerbrechen von Gegenständen, körperliche Schlägereien).
- Vorübergehende dissoziative Symptome oder psychotisch ähnliche Merkmale (z. B. kurze Halluzinationen, Paranoia) in Situationen hoher affektiver Erregung.
Weitere Manifestationen des Borderline-Musters, von denen nicht alle zu einem bestimmten Zeitpunkt bei einer bestimmten Person vorhanden sein können, umfassen die folgenden:
- Eine Sicht auf das Selbst als unzulänglich, schlecht, schuldig, widerlich und verachtenswert.
- Eine Erfahrung des Selbst als grundlegend anders und isoliert von anderen Menschen; ein schmerzhaftes Gefühl von Entfremdung und allgegenwärtiger Einsamkeit.
- Neigung zur Abstoßung, Überempfindlichkeit; Probleme bei der Etablierung und Aufrechterhaltung konstanter und angemessener Vertrauensstufen in zwischenmenschlichen Beziehungen; häufige Fehlinterpretationen sozialer Signale.
Was ist nun Borderline?
Nach all den historischen Entwicklungen, unterschiedlichen Theorien und diagnostischen Kriterien lässt sich Borderline vielleicht am besten verstehen, wenn man nicht mehr fragt: „Welche Symptome hat ein Borderliner?“, sondern: „Was ist das grundlegende Muster dahinter?“. Borderline ist eine Störung der Persönlichkeitsorganisation. Im Mittelpunkt steht eine tiefgreifende Instabilität des eigenen Selbst, der Gefühle und der Beziehungen zu anderen Menschen. Das bedeutet nicht einfach, dass Gefühle besonders stark sind. Entscheidend ist vielmehr, dass das Erleben der eigenen Person und anderer Menschen unter emotionaler Belastung erheblich ins Schwanken geraten kann.
Wenn man Borderline auf Selbstverletzung, Stimmungsschwankungen, Impulsivität, Wutausbrüche oder Angst vor dem Verlassenwerden reduziert, kann fast jede dieser Eigenschaften aus ihrem eigentlichen Zusammenhang gerissen und einer anderen Erkrankung zugeschrieben werden.
Borderline beschreibt vielmehr eine besondere Form der psychischen Instabilität: Das Erleben des eigenen Selbst, der eigenen Gefühle und der Beziehungen zu anderen Menschen ist nicht ausreichend stabil miteinander verbunden. Unter Belastung kann dieses innere Gleichgewicht erheblich kippen. Die daraus entstehenden Reaktionen können extrem sein – nicht weil die betroffene Person „manipulativ“, „dramatisch“ oder „schwierig“ ist, sondern weil sie versucht, mit einem hochgradig instabilen inneren Zustand zurechtzukommen. Und genau deshalb reicht es für eine Borderline-Diagnose nicht aus, einige typische Symptome wiederzuerkennen.
Wer impulsiv ist, hat nicht automatisch Borderline.
Wer sich selbst verletzt, hat nicht automatisch Borderline.
Wer Angst vor Zurückweisung hat, hat nicht automatisch Borderline.
Wer emotional dysreguliert ist, hat nicht automatisch Borderline.
Und wer Schwierigkeiten in Beziehungen hat, hat ebenfalls nicht automatisch Borderline.
Erst wenn sich diese Phänomene in dem für Borderline charakteristischen, überdauernden Muster von instabilem Selbstbild, instabiler Emotionsregulation und instabilen zwischenmenschlichen Beziehungen verbinden, wird die Diagnose nachvollziehbar.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus der Geschichte dieser Diagnose: Borderline ist keine Sammlung auffälliger Verhaltensweisen. Es ist ein bestimmtes Muster des Erlebens und der Beziehung zu sich selbst und anderen.
Liebe Grüße,
Tanja
Quellen
- (1) Die Borderline-Persönlichkeitsstörung, Springer
- (2) Facharbeit Adolph Stern, 1938, Psychoanalytic investigation of and therapy in the borderline group of neuroses
- (3) Fachartikel von Robert P. Knight aus 1953
- (4) Facharbeit von Otto F. Kernberg „Borderline Conditions and Pathalogical Narcissm“
- (5) Facharbeit von Margaret T. Singer und John G. Gunderson aus 1975 „Defining borderline patients: an overview“
- (6) DSM III
- (7) Facharbeit von William Goldstein „DSM-III and the diagnosis of borderline“
- (8) Facharbeit von T. A. Aronson „Historical perspectives on the borderline concept: a review and critique“
- (9) DSM IV
- (10) ICD 10
- (11) ICD 11
